Bernstein: Robinhood lanciert zwei Agenten-Produkte, sichert sich Verwahrung für Trump-Konten und plant Expansion von Prognosemärkten
Bernstein 42nd Annual Strategic Decisions Conference, 27. Mai 2026 — CFO Shiv Verma präsentiert eine Produkt-Roadmap, die weit über den reinen Handel hinausgeht
Robinhood-CFO Shiv Verma nutzte seinen Auftritt auf der Bernstein Strategic Decisions Conference, um zwei neue „agentische“ Produkte anzukündigen, die Rolle von Robinhood als alleiniger Verwahrer für die neuen staatlichen Trump-Konten zu bestätigen und eine signifikante Ausweitung des Prognosemarkt-Geschäfts auf institutionelle und internationale Kunden in Aussicht zu stellen. Für ein Unternehmen mit einem verwalteten Vermögen von rund 350 Milliarden Dollar in einem adressierbaren US-Brokerage-Markt von über 20 Billionen Dollar ist das Tempo der Produkterweiterung beachtlich – und die dahinterstehende finanzielle Disziplin kaum noch zu ignorieren.
Agentic Trading und Agentic Commerce: Die ersten von vielen
Die wichtigste Ankündigung des Tages war ein Duo aus agentischen Produkten, die beide auf dem Model Context Protocol (MCP) basieren. „Agentic Trading“ ermöglicht technisch versierten Nutzern, ein spezielles Brokerage-Konto direkt mit einem Large Language Model ihrer Wahl – etwa Claude oder Codex – zu verbinden, um Trades auszuführen, Screener zu erstellen oder Portfolios mittels natürlicher Sprache zu verwalten. „Agentic Commerce“ verknüpft eine virtuelle Kreditkarte mit einem KI-Agenten und einem definierten Ausgabenlimit, wodurch Nutzer Einkäufe – von limitierten Sneaker-Drops bis hin zu Restaurantreservierungen – automatisieren können.
Verma betonte, dass es sich bei der aktuellen Veröffentlichung um ein Produkt für Entwickler und KI-affine Nutzer handele, nicht um ein Massenmarkt-Angebot. „Das ist nicht in der App integriert. Man muss sich physisch über das MCP verbinden“, erklärte er. Ein breiterer Rollout für weniger technikaffine Nutzer ist für später im Jahr geplant, begleitet von einer Reihe von Events, darunter eine Präsentation in Großbritannien im Juli und eine Konferenz für aktive Trader im Herbst.
Die regulatorische Einordnung ist bewusst gewählt. Da der Nutzer die Kontrolle behält und jede Aktion autorisiert, fällt das Produkt unter die Reg BI-Richtlinien und nicht unter das komplexere Regelwerk für registrierte Anlageberater (RIA). Auf die Frage, ob Agenten langfristig menschliche Finanzberater verdrängen könnten, reagierte Verma zurückhaltend. Er argumentiere, der kurzfristig wertvollere Ansatz sei die Unterstützung von RIAs, nicht deren Ersatz. „Sie möchten ihre Zeit mit Kunden verbringen, sie treffen, sich auf den Vertrieb und den Beziehungsaufbau konzentrieren. Sie wollen sich nicht mit dem Backoffice befassen, das den Großteil ihrer Zeit beansprucht. Wenn Agenten sie hier regulatorisch konform unterstützen können, ist das enorm wirkungsvoll.“
Trump-Konten: Alleiniger Verwahrer, fünf Millionen Anmeldungen vor Start
Verma bestätigte, dass Robinhood als alleiniger Verwahrer für die neu geschaffenen staatlichen Trump-Konten fungiert; das Produkt soll am Folgetag live gehen. Zum Zeitpunkt der Konferenz hatten sich bereits mehr als fünf Millionen Menschen angemeldet – ein bedeutender Erfolg für die Neukundengewinnung bei einem Unternehmen, das gezielt jüngere und erstmalige Investoren anspricht. Die Verwahrungsfunktion passt exakt in die Strategie von Robinhood, Produkte für die alternde Kernzielgruppe zu entwickeln – das Durchschnittsalter der Kunden ist seit Vermas Eintritt von 28 auf 36 Jahre gestiegen –, deren finanzielle Bedürfnisse nun auch Konten für Kinder, Treuhandstrukturen, Hypotheken und umfassendere Bankdienstleistungen umfassen.
KI-Produktivität: Neunstellige Einsparungen, 50 % mehr Code-Geschwindigkeit
Verma wiederholte und präzisierte Zahlen, die bereits bei der Bekanntgabe der Q1-Ergebnisse genannt wurden. Rund 75 % der Kundenservice-Anfragen werden inzwischen durch KI gelöst, und das Unternehmen hat bei den Softwareentwicklungskosten Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich erzielt. Noch aussagekräftiger ist die „Commit Velocity“ – ein Maß für den Code-Ausstoß –, die laut Verma seit Anfang letzten Jahres um 50 % gestiegen ist. Er führte dies nicht nur auf neue Tools zurück, sondern auch auf die Unternehmenskultur und die frühe Adaption. „Als Enterprise ChatGPT 2022 herauskam, telefonierte Vlad bereits am ersten Wochenende mit ihnen – wir waren ein Early Adopter. Das Gleiche galt für Opus.“
Das von Verma genannte Marketingbeispiel verdeutlicht den operativen Hebel: Eine komplette Werbekampagne – kreatives Konzept, KI-generiertes Video mit Avatar-Darstellern, Voiceover via ElevenLabs, Postproduktion und Kanal-Distribution – wurde in etwa vier Stunden fertiggestellt. Früher dauerte dieser Prozess zwei bis drei Wochen. Das Team produzierte anschließend an einem Nachmittag 100 Varianten dieser Anzeige für A/B-Tests. Verma beschrieb dies als Ergebnis einer internen „KI-Harness“ – einer proprietären Schnittstelle, die Authentifizierung, Sicherheitsprofile und Tool-Zugriff abstrahiert, sodass auch nicht-technische Mitarbeiter ohne Reibungsverluste mit dem gesamten Stack arbeiten können.
Prognosemärkte: Von einer Million auf 1,5 Millionen Nutzer, institutionelle Ambitionen wachsen
Event-Kontrakte, die Robinhood vor etwa 20 Monaten über ein Joint Venture mit Susquehanna an einer mittlerweile übernommenen DCM-Börse startete, werden inzwischen von 1,5 Millionen Kunden genutzt – ein Anstieg gegenüber der bei den Q1-Zahlen genannten Million. Sportwetten dominieren mit rund 85 % des Volumens, was den Branchendaten entspricht. Verma verwies jedoch auf die Erfahrungen von Polymarket im Ausland, wo Nicht-Sport-Kontrakte den Großteil des Volumens ausmachen, als Beleg dafür, dass sich auch Finanz- und andere Kontraktkategorien langfristig durchsetzen werden.
Die weitaus bedeutendere Entwicklung ist die vertikale Integration der Börse selbst. „Wenn man den gesamten Prozess kontrolliert, ergeben sich viele Möglichkeiten“, sagte Verma. Die aktuelle Preisstruktur, bei der der Kunde 0,02 Dollar pro Kontrakt zahlt, die hälftig zwischen Robinhood und der Börse aufgeteilt werden, wird sich ändern. Verma wurde deutlich: „Man sollte nicht davon ausgehen, dass die 0,02 Dollar pro Kontrakt bleiben – wir werden eine innovativere Preisgestaltung einführen, die Kundenprobleme adressiert und gleichzeitig zu den besten am Markt zählen wird.“ Das Unternehmen plant, die durch die vertikale Integration gewonnenen Margen für eine aggressive Preisstrategie zu nutzen – ein Playbook, das bereits aus der Geschichte der Aktien- und Optionshandelssparte bekannt ist.
Über das Privatkundengeschäft hinaus merkte Verma an, dass bereits Anfragen von anderen „Designated Contract Markets“ eingegangen seien, die von Drittanbieter-Börsen auf die Infrastruktur von Robinhood migrieren wollen. Auch Gespräche über internationale Lizenzen laufen. Dies impliziert, dass sich das bisherige Endkundenprodukt zu einem B2B-Börsengeschäft mit globaler Reichweite entwickeln könnte – eine Entwicklung, die in den meisten Unternehmensmodellen noch nicht abgebildet ist.
Die regulatorische Klärung bei Finanz-KPI-Kontrakten – ob Event-Kontrakte zu Gewinnen und Umsätzen als SEC-regulierte Wertpapier-Swaps oder als CFTC-Event-Kontrakte gelten – bleibt der primäre Flaschenhals für die kommerziell interessantesten Produkterweiterungen. Verma äußerte sich zuversichtlich, dass beide Behörden dies zeitnah klären werden; danach würde Robinhood Finanzkontrakte direkt auf den jeweiligen Unternehmensseiten neben der zugrunde liegenden Aktie listen.
Privatmärkte: 1,5 Milliarden Dollar für Fund I, vertrauliche Anmeldung für Fund II
Der Robinhood Ventures Fund I, strukturiert als geschlossener Fonds nach dem Investment Company Act von 1940, um tägliche Liquidität zu bieten und Anforderungen für akkreditierte Investoren zu umgehen, hat eine Marktkapitalisierung von 1,5 Milliarden Dollar mit 150.000 teilnehmenden Kunden erreicht. Das Portfolio umfasst Unternehmen wie OpenAI, Stripe und Databricks. Eine vertrauliche SEC-Anmeldung für den Fund II läuft bereits. Vermas langfristige Vision – Robinhood als größte Risikokapitalgesellschaft der Welt – ist ambitioniert, aber die strukturelle Logik ist schlüssig: Die 40-Act-Struktur löst die Liquiditäts- und Akkreditierungsprobleme, die Privatanleger historisch von den Privatmarkt-Investitionen fernhielten, und die Vertriebskraft von Robinhood ist unter den Retail-Plattformen unerreicht.
Im Ausland löst die Tokenisierung das gleiche Zugangsproblem unter MiFID-Lizenzen in Europa, wo das Unternehmen neben öffentlichen Aktien bereits zwei Privatmarkt-Aktien tokenisiert hat. In den USA, wo die Tokenisierung von Wertpapieren rechtlich noch nicht eindeutig geklärt ist, bleibt die 40-Act-Struktur das Mittel der Wahl.
Take Rates, Zinsüberschuss und kurzfristige Trends
Zum Ausblick auf die Handelserlöse bestätigte Verma, dass die „Take Rates“ im Kryptobereich zum Zeitpunkt der Konferenz etwa 7 bis 8 Basispunkte unter dem Niveau des ersten Quartals lagen, da sich die Gelegenheitsanleger weitgehend zurückgehalten haben, während institutionelle und aktive Trader ihre Positionen hielten. Robinhood hat kürzlich die Gebühren für Gelegenheitsanleger von 85 auf 95 Basispunkte angehoben. Die Take Rates bei Optionen haben sich nach einem Rückgang im ersten Quartal, der auf eine Umschichtung hin zu ETFs statt Einzelaktien zurückzuführen war, stabilisiert. Die Volumina seien gesund – der April war der zweitstärkste Handelsmonat in der Geschichte des Unternehmens, und der Mai startete stark.
Beim Zinsüberschuss ist das Volumen der Wertpapierkredite auf über 18 Milliarden Dollar gestiegen, die Einlagen (Sweep Deposits) liegen bei rund 30 Milliarden Dollar, und die Opt-in-Quote für die Wertpapierleihe liegt bei etwa 25 % der Konten und 50 % des Vermögens. Der Schwachpunkt bleibt die spezielle Leihgebühr, die durch die geringe IPO-Aktivität gedrückt wird. Verma bezeichnete eine Erholung bei großen Börsengängen – von denen einige bereits angemeldet sind oder deren Anmeldung erwartet wird – als „gespannte Feder“ für das Geschäft, da IPO-Aktien typischerweise eine hohe Volatilität und einen geringen Streubesitz aufweisen, was die Nachfrage nach Wertpapierleihen erhöht.
Kapitalallokation: 350 Millionen Dollar Aktienrückkäufe im laufenden Jahr, 6 Milliarden Dollar Cash, keine Verschuldung
Das Anfang des Jahres angekündigte Aktienrückkaufprogramm über 1,5 Milliarden Dollar verläuft schneller als der ursprünglich kommunizierte Zwei- bis Drei-Jahres-Plan. Verma aktualisierte den Wert für das laufende Jahr auf etwa 350 Millionen Dollar, gegenüber den 300 Millionen Dollar aus dem Q1-Bericht. Allein im ersten Quartal, während der Phase höchster Marktvolatilität, kaufte das Unternehmen Aktien für 250 Millionen Dollar zurück. Mit rund 6 Milliarden Dollar an Barmitteln, 3 bis 4 Milliarden Dollar an ungenutzten Kreditlinien und ohne Schulden ist die Bilanz auf opportunistische Maßnahmen ausgerichtet. Verma nannte explizit die wichtigste Finanzkennzahl des Unternehmens: das Wachstum des Free Cashflow pro Aktie und des Gewinns pro Aktie über die Zeit – das Merkmal jedes Unternehmens, das eine Bewertung von 1 Billion Dollar erreicht hat.
Wettbewerbsposition und der Weg zum Wallet-Share
Zur Wettbewerbsfrage – wie Robinhood seine Differenzierung aufrechterhält, während größere Akteure die Multi-Asset-Strategie kopieren – antwortete Verma weniger mit dem Konzept von „Burggräben“ als vielmehr mit Geschwindigkeit. „Man muss ständig die Grenzen verschieben“, sagte er und verwies auf agentische Produkte und MCPs als aktuelle Frontlinie. Er räumte ein, dass es sich nicht um ein „Winner-takes-all“-Szenario handele, argumentierte jedoch, dass Robinhood zu den wenigen Plattformen gehöre, die glaubhaft den Anspruch auf eine Finanz-Super-App erheben können. Der Startpunkt auf der Vermögensseite sei strukturell anders als bei Plattformen, die mit Krediten führen: „Kunden vertrauen einem ihr Vermögen, ihre Einlagen an. Das gibt man leicht ab. Es ist sehr schwer, das zurückzubekommen.“
Das Kontenwachstum, das derzeit organisch bei 7 % bis 10 % liegt, praktisch ohne Marketingausgaben, steht nun im Fokus. Neue Vektoren sind Verwahrkonten, der Erfolg bei den Trump-Konten, ein entkoppeltes Banking-Onboarding für jüngere Nutzer und eine schrittweise Umschichtung von Werbebudgets in das Wachstum von netto finanzierten Konten – wobei Verma klarstellte, dass das Ziel eines jährlichen Netto-Einlagenwachstums von 20 % das primäre Finanzziel bleibt und nicht für Abonnentenzahlen geopfert wird.