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Novo Nordisk setzt 150 Milliarden DKK auf Pipeline-Diversifizierung: Zehnfache Kapazität für orale Verabreichung und Kopf-an-Kopf-Daten zeigen CagriSema-Überlegenheit gegenüber Tirzepatide bei gleicher Dosierung

Capital Markets Day, London, 21. September 2026

Novo Nordisk hat seinen ersten Kapitalmarkttag seit zwei Jahren genutzt, um den bislang detailliertesten Fahrplan für die Ära nach dem Wegfall der Semaglutid-Patente vorzulegen. Trotz des harten Abbaus von 13.000 Arbeitsplätzen im vergangenen Jahr versprach das Management ein bis 2035 deutlich größeres und breiter aufgestelltes Unternehmen. CEO Maziar Doustdar gab die Tonart vor und betonte vor dem Auditorium: „Wir spielen das Patentende und die damit verbundenen Herausforderungen keineswegs herunter.“ Gleichzeitig präsentierte er die Kernbotschaft des Unternehmens: einen risikobereinigten Pipeline-Wert von mehr als 150 Milliarden DKK bis 2030, mindestens fünf Neueinführungen mit Blockbuster-Potenzial sowie eine Verzehnfachung der Produktionskapazitäten für orale Darreichungsformen. Damit sollen künftig 15 Millionen Patienten mit der Wegovy-Tablette versorgt werden, verglichen mit 1,5 Millionen heute.

CagriSema-Daten stellen Wirksamkeitsdebatte in ein neues Licht

Den konkretesten neuen Datenpunkt des Tages lieferte REIMAGINE 5, eine Kopf-an-Kopf-Studie mit 1.000 Patienten, in der CagriSema in seiner niedrigsten Dosierung (1 Milligramm) mit Tirzepatid in seiner im Alltag am häufigsten verordneten Dosis (5 Milligramm) verglichen wurde – und nicht mit den in Investorenmodellen üblicherweise herangezogenen Höchstdosen. CagriSema erzielte dabei einen Gewichtsverlust von 12,5 Prozent gegenüber 9 Prozent bei Tirzepatid, bei identischer Blutzuckerkontrolle. F&E-Chef Martin Lange bezeichnete dies als „klinisch relevant“ und als „Spiegelbild der Realität für die Mehrheit der Patienten“. Damit trat er direkt der Wahrnehmung entgegen, die CagriSema-Ergebnisse aus der REDEFINE-1-Studie mit einem Gewichtsverlust von 23 Prozent würden hinter dem Wettbewerb zurückbleiben. Das Management legte zudem Daten einer kleinen Phase-II-Studie vor, in der CagriSema bei Diabetespatienten eine Reduktion neuropathischer Schmerzen um 2,4 Punkte bewirkte, verglichen mit rund 1 Punkt bei Gabapentinoiden. Ein namentlich nicht genannter Meinungsführer bezeichnete diese Daten laut Lange als „potenziellen Gamechanger im Diabetesbereich, da es in diesem Segment lange keine Innovationen mehr gab“. Zudem zeigte CagriSema eine Verdopplung der Werte für die körperliche Leistungsfähigkeit und einen Erhalt der Muskelkraft trotz des Gewichtsverlusts, womit Bedenken von Investoren hinsichtlich des Verlusts magerer Muskelmasse ausgeräumt wurden. Die behördliche Zulassung wird für das vierte Quartal dieses Jahres erwartet. Daten aus der Studie REDEFINE 11 – die mit Spannung daraufhin beobachtet wird, ob höhere Dosen den Gewichtsverlust über 23 Prozent hinaus treiben können – werden für das erste Quartal 2027 erwartet und sollen zeitlich mit der Einführung in den USA zusammenfallen.

Formeller Schwenk zu vier neuen Wachstums treibern

Neben dem Kerngeschäft mit Diabetes und Adipositas hat Novo Nordisk offiziell drei neue Segmente etabliert: Blut- und Endokrinologie-Erkrankungen, Lebererkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hinzu kommt die explorative Kategorie „Consumer Rx“, die Doustdar sorgfältig von einer konventionellen OTC-Strategie abgrenzte. „Hier hat sich Novo in den letzten zwei bis drei Jahren dank unserer Fähigkeit, ein verschreibungspflichtiges Medikament direkt an die Verbraucher zu bringen, unübertroffen an die Spitze gesetzt“, sagte er. Der Bereich Blut und Endokrinologie – gestützt auf jahrzehntelange Expertise bei Hämophilie und Wachstumshormonen – soll bis 2030 um mehr als 50 Prozent wachsen. Treiber sind drei kurzfristige Blockbuster-Einführungen: Frehemgo bei Hämophilie A (das bereits eine positive CHMP-Empfehlung und eine erste globale Zulassung in Saudi-Arabien vorweisen kann), Etavopivat bei Sichelzellkrankheit sowie Zaltenibart bei komplementvermittelten hämatologisch-renalen Erkrankungen. Das Segment der Lebererkrankungen konzentriert sich auf Efruxifermin, das durch die Akero-Übernahme in das Portfolio gelangte. Es zeigte sowohl eine Verringerung der Steatohepatitis als auch der Fibrose bei F4-MASH-Patienten – ein Bereich ohne derzeit zugelassene Behandlungen, in dem Lebertransplantationen laut Habib Bennaceur bis zu eine Million US-Dollar kosten können. Die Herz-Kreislauf-Strategie wendet sich vom IL-6-Ansatz der gescheiterten ZEUS-Studie ab und setzt stattdessen auf NLRP3-Inhibition sowie eine orale PCSK9-Kombination mit GLP-1-Präparaten der nächsten Generation, wenngleich Lange einräumte, dass „wir uns hier noch am Anfang befinden“.

F&E-Geschwindigkeit und KI-Ambitionen mit konkreten Kennzahlen

Novo gab bekannt, dass die Zahl der Erstanwendungen am Menschen – ein Indikator für die Forschungsproduktivität – von nur 3 im Jahr 2025 in diesem Jahr auf mindestens 10 (potenziell 15 bis 16) steigen wird. Bis 2030 wird eine Marke von 15 und danach von über 20 pro Jahr angestrebt. KI-Chef Mishal Patel nannte eine konkrete Fallstudie: Ein System des aktiven Lernens, das ein Protein-Sprachmodell, Vorhersagemodelle und eine Optimierungsengine kombiniert, erzielte innerhalb von drei statt der üblichen acht Designzyklen eine 500-fache Verbesserung der Molekülwirksamkeit und verkürzte ein präklinisches Entdeckungsprojekt auf drei Monate. Lange warnte jedoch davor, diese Erfolge automatisch auf klinische Resultate zu übertragen. Er betonte, dass die KI-Erfolge bislang „zu 100 Prozent in der präklinischen Phase“ liegen und das Unternehmen vor der Weiterentwicklung jedes KI-vorgeschlagenen Wirkstoffs stets „den menschlichen Faktor“ einbezieht. Investoren hakten nach, ob schnellere Fehlschläge das wahrscheinlichere Ergebnis seien; Langes Reaktion fiel abgewogen statt triumphierend aus und er versprach, „in einem Jahr darüber zu sprechen, wenn wir erste Daten aus klinischen Humanstudien vorliegen haben“.

Produktion: Kostenvorteil der oralen Plattform beziffert

Produktionschef Kasper Mejlvang begründete Novo Nordisks auf Hefefermentation basierende Plattform überzeugend als dauerhaften Kostenvorteil gegenüber der von Mitbewerbern genutzten Synthese von Peptiden, auch wenn er es ablehnte, die genaue Marge zu beziffern. Die Investitionsausgaben (CapEx) haben ihren Höchststand überschritten – das vergangene Jahr markierte den Scheitelpunkt – und sollen bis 2030 von rund 20 Prozent des Umsatzes auf branchenübliche Kennzahlen im mittleren einstelligen Bereich sinken. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahrzehnt mehr als 10 Milliarden US-Dollar in die US-Produktion investiert; zugesagte Ausgaben werden diese Summe in den kommenden zwei Jahren auf über 12 Milliarden US-Dollar steigen lassen. Damit verfügt Novo über eine vollständig inneramerikanische Lieferkette für die Wegovy-Tablette. CFO Karsten Knudsen trat direkt der Annahme entgegen, das orale Segment berge 2027 das Risiko einer negativen Bruttomargenmischung: „Die Wegovy-Tablette bewegt sich recht nah am Konzernmittelwert“, erklärte er und wischte eine unter Investoren verbreitete Annahme vom Tisch.

Kommerzielle Umsetzung: Wegovy-Tablette übertrifft in Großbritannien eigene US-Einführungskurve

Der US-Marketingleiter Ed Cinca berichtete, dass die Wegovy-Tablette in den USA derzeit bei rund 285.000 wöchentlichen Verschreibungen liegt, verglichen mit etwa 45.000 beim nächsten oralen Konkurrenten – ein Abstand, den Cinca in etwa 40.000 tägliche Verordnungen im Vergleich zum Wochenwert des Mitbewerbers übersetzte. Achtzig Prozent der Patienten unter Wegovy-Tablette sind GLP-1-naiv, und der Anteil neuer Patienten an den Verschreibungen liegt über 80 Prozent. Der Leiter des internationalen Geschäfts, Emil Larsen, nannte einen noch markanteren britischen Datenpunkt: In den ersten acht Wochen nach der Markteinführung entsprach das Verkaufsvolumen dem Tempo des „erfolgreichsten Launchs in der Geschichte der US-Pharma-Branche“, wobei er einschränkend anmerkte, dass die USA im weiteren Verlauf schließlich vorn blieben. Bemerkenswert ist, dass Novos Volumina selbst dann beschleunigten und nicht etwa zurückgingen, als in der siebten Woche ein Wettbewerber den britischen Markt betrat. Deutschland als nächster großer Rollout-Markt hat innerhalb von zwei Wochen nach der Markteinführung bereits rund 46.000 Patienten im Markt erreicht – grob aufgeteilt auf Telemedizin und traditionelle Kanäle. Larsen wies darauf hin, dass die Telemedizin-Durchdringung in Deutschland bei Adipositas innerhalb eines Jahres von 7 auf 30 Prozent gestiegen ist.

Ozempic-Rebranding fungiert erfolgreich als Magnet für naive Patienten

Die Neupositionierung von Rybelsus als „Ozempic-Tablette“ – bei der auf den bestehenden Markenwert statt auf ein neues Molekül gesetzt wird – zieht über 60 Prozent der Neueingänge von GLP-1-naiven Patienten an. Das Management wertete dies als Beleg dafür, dass „Injektionshemmnisse für Ärzte oder Patienten real sind“. In Märkten außerhalb der USA, in denen die 2,0-Milligramm-Dosis von Rybelsus bereits eingeführt ist (derzeit rund 10 Märkte, bis Jahresende 20 cifras), hat Novo das Ruder herumgerissen: In Deutschland und den Niederlanden liegt der Marktanteil bei neu hinzukommenden Patienten, die sich für Ozempic entscheiden, inzwischen bei 7 von 10.

Preisgestaltung und Strategie beim Patentablauf (LOE)

Das Management bestätigte eine Planungsannahme von jährlich schätzungsweise 10 Prozent allmählichem Preisrückgang bei GLP-1-Präparaten, wobei um das europäische Semaglutid-Patentende (LOE) in den Jahren 2031–2032 ein steilerer Abfall erwartet wird. Doustdar verwies jedoch auf frühe LOE-Märkte wie Kanada, die Niederlande und Deutschland als Beweis dafür, dass eine Volumenausweitung den Preisverfall abfedern kann: „Der Markt beginnt erheblich zu wachsen... es ist ja nicht so, dass man das Geschäft komplett an Generika verliert.“ Der US-Chef Jamey Millar gab bekannt, dass die Listenpreise für Rybelsus, Ozempic und Wegovy ab dem 1. Januar 2027 auf 675 US-Dollar sinken werden. Er bestätigte zudem einen anhaltenden Trend zu Netto-Preisrückgängen von 10 bis 15 Prozent für Ozempic, der sich im Zuge der anstehenden Medicaid- und IRA-Preisreformen 2027 voraussichtlich fortsetzen, aber nicht drastisch beschleunigen wird. Der Druck durch Komptidierung (Kompoundierung) hat als Modellierungsrisiko spürbar nachgelassen – Doustdar wies darauf hin, dass mehrere große Kompoundierungsapotheken auf den Weiterverkauf von Markenprodukten umgestiegen sind, und Knudsen bekräftigte: „Wir haben keinerlei positive Effekte in unsere Zahlen eingerechnet“, sollten die US-Behörden weiter gegen gekonpundetes Semaglutid vorgehen.

Finanzziele: Einstelliges mittleres Wachstum, stabile Margen, sinkende Vertriebs- und Verwaltungskosten

Knudsen kommentierte die Verlangsamung offen: Nach einer mehr als Verdoppelung des Umsatzes und einer Verdreifachung der F&E-Ausgaben in vier Jahren „Hyperwachstum“ steuert Novo nun bis 2030 ein mittleres, einstrelliges organisches Umsatzwachstum an – explizit „auf Augenhöhe mit unseren Pharma-Peers“, statt diese zu übertreffen. Simon Baker von Rothschild & Co Redburn hakte nach, ob dies angesichts der ungewissen Preiselastizität der Adipositas-Nachfrage möglicherweise konservativ kalibriert sei. Die operative Marge soll weitgehend stabil bleiben; steigende F&E-Ausgaben im Verhältnis zum Umsatz (von unter 13 Prozent vor vier Jahren auf 17 Prozent im vergangenen Jahr) werden durch die Senkung der Vertriebs- und Verwaltungskosten (SG&A) auf künftig rund 20 Prozent des Umsatzes (von aktuell 23 Prozent) ausgeglichen. Die Prioritäten bei der Kapitalallokation bleiben bestehen: Zunächst Reinvestitionen in das Geschäft, Rückgabe von rund der Hälfte des Gewinns über Dividenden (31 Jahre in Folge mit Dividendenerhöhungen pro Aktie), Finanzierung von kleineren Zukäufen (Bolt-on-M&A) sowie Verwendung überschüssiger Buchtmittel für Aktienrückkäufe. Zusammen haben Dividenden und Rückkäufe den Aktionären in den letzten fünf Jahren 270 Milliarden DKK eingebracht. Auf größere Fusionen und Übernahmen angesprochen, hielt sich Doustdar die Tür offen: „Ich würde es nicht ausschließen“, wenngleich Knudsen betonte, dass die Bolt-on-Strategie vorerst der Basisfall bleibt.

Hintergrund der Restrukturierung

Die Zahlen hinter der Transformation sind drastisch: Novo hat im vergangenen Jahr 9.000 Arbeitsplätze und seither weitere 4.000 abgebaut, womit die Belegschaft im Jahresvergleich um 13.000 Mitarbeiter reduziert wurde. Parallel dazu wurde die Forschung und Entwicklung unter einer einheitlichen Organisation zusammengefasst und die Zahl der direkten Berichte an Lange mehr als halbiert. Doustdar äußerte sich ungewöhnlich offen zu den menschlichen Kosten: „Das sind keine leichten Entscheidungen für uns, aber sie waren notwendig.“ Der Lohn dafür spiegelt sich laut Management in einem um fast 50 Prozent gestiegenen Umsatz pro Mitarbeiter und einer höheren F&E-Produktivität wider – die Zahl der Erstanwendungen am Menschen hat den Vorjahreswert bereits im August übertroffen.

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