ASX Limited rechnet im Geschäftsjahr 2027 mit Kostensteigerung von 18 bis 21 Prozent und lässt Margenziel fallen – Eigenkapitalrendite (ROE) bleibt einziger Maßstab
Bilanzvorlage von ASX Limited für das Geschäftsjahr 2026 am 12. August 2026: Rekordvolumina treiben den Umsatz um 13,3 Prozent nach oben, doch regulatorische Aufarbeitungen und Technologie-Inflation begrenzen das Wachstum des bereinigten Gewinns auf 5,2 Prozent.
Die Kosten dominieren das Bild und ein Ende ist noch nicht in Sicht
ASX hat die Prognose für den Anstieg der Gesamtaufwendungen im Geschäftsjahr 2027 von 18 Prozent bis 21 Prozent bestätigt; darin enthalten ist ein Beitrag von rund 5 Prozent aus Abschreibungen (D&A). Der Anstieg der operativen Aufwendungen ohne Berücksichtigung von Abschreibungen wird auf 13 Prozent bis 16 Prozent veranschlagt. Dies folgt auf einen Kostenanstieg im Geschäftsjahr 2026 um 21,1 Prozent auf 557,4 Millionen US-Dollar. Ohne 30,8 Millionen US-Dollar an Kosten im Zusammenhang mit der ASIC-Untersuchung lag das Wachstum bei 14,4 Prozent. Der Umsatz stieg um 13,3 Prozent auf 1,25 Milliarden US-Dollar, womit die Kosten im zweiten Jahr in Folge stärker wuchsen als der Umsatz. Die EBITDA-Marge sank um 184 Basispunkte auf 61 Prozent beziehungsweise auf 63,4 Prozent bereinigt um die Untersuchungskosten.
CFO Andrew Tobin nannte die Technologiemodernisierung als größten Treiber. Lizenzgebühren, Support und Wartung sowie Kosteninflation steigen, während Plattformen wie CHESS Release 1 sowie die Unternehmensdaten- und Integrationsschichten live gehen und in die Cloud migrieren. Tobin erklärte, dass die Inflation „Branchentrends widerspiegelt und voraussichtlich auch über das Geschäftsjahr 2027 hinaus anhalten wird“. Auch das Accelerate-Programm und breitere Aufarbeitungsausgaben seien als mehrjährige Posten angelegt, deren Kosten über das Geschäftsjahr 2027 hinaus fortbestehen werden. Wachstumsinitiativen machen nur einen kleinen Teil des Budgets aus. Auf direkte Nachfrage erklärte Tobin, sie seien „nicht der Löwenanteil“ und „kein großer Bestandteil der Zusammensetzung dieses Kostenwachstums“.
Gegenmaßnahmen fallen spärlich aus. JPMorgan fragte, welche Kosten wegfallen, wenn Altsysteme (Legacy Systems) ausgemustert werden. Tobin antwortete, dass der Parallelbetrieb von altem und neuem CHESS noch „einige Jahre“ von seinem Ende entfernt sei, da das bestehende System erst dann außer Betrieb genommen werden könne, wenn Release 2 vollständig implementiert ist. Das Management verwies auf KI und Lizenzbereinigung als Effizienzhebel, blieb jedoch jegliche Quantifizierung schuldig. Interims-CEO Darren Yip bezeichnete den Kostensprung im zweiten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026 als besten Anhaltspunkt für den Trend im Geschäftsjahr 2027.
Margenziel klammheimlich gestrichen
Andrew Buncombe von Macquarie wies darauf hin, dass die Kommentare zur mittelfristigen Marge und zum Cost-Income-Verhältnis aus der Präsentation verschwunden waren. Tobin bestätigte, dass dies bewusst geschehen ist: „Wir haben dieser Kennzahl als Leistungskennzahl eine geringere Bedeutung beigemessen“, was die erhöhte Kostenbasis widerspiegelt. Die primäre Messgröße ist nun die zugrundeliegende Eigenkapitalrendite (ROE), für die mittelfristig 12 Prozent bis 14 Prozent angestrebt werden – verglichen mit 13,7 Prozent im Geschäftsjahr 2026. Angesichts der Tatsache, dass die Kosten im Geschäftsjahr 2027 voraussichtlich stärker wachsen als jede plausible Umsatzerlinie, entzieht dieser Schritt einen Maßstab, den ASX wahrscheinlich verfehlt hätte.
Regulierte Preisgestaltung greift
Das Geschäftsjahr 2026 war das erste Jahr, in dem die Bereiche Issuer Services und Equity Post-Trade Services unter dem neuen Building-Block-Preismodell betrieben wurden. Bei diesem Modell wird der Umsatz als regulierte Rendite auf die effizienten Kosten der Leistungserbringung festgelegt. ASX verbuchte eine Überdeckung von 13 Millionen US-Dollar, die an Kunden zurückerstattet werden soll, angetrieben durch eine höhere Aktivität am Kassamarkt. Die Erträge aus Securities und Payments stiegen nach Abzug dieser Rückstellung um 19,4 Prozent auf 327,7 Millionen US-Dollar.
Das Modell verknüpft die höheren Ausgaben von ASX direkt mit dem Umsatzanspruch. Tobin erklärte gegenüber UBS, dass steigende Aufwendungen und Investitionen (Capex) „einen höheren Umsatzbedarf zur Folge haben“, sodass die Rückzahlung von 13 Millionen US-Dollar im Geschäftsjahr 2027 bei stagnierendem Handelsvolumen vollständig aufgezehrt werden könnte, wenngleich er dieses Szenario als theoretisch bezeichnete. Laut Tobin werden die zugrundeliegenden Eingangsgrößen auf Folie 42 der Präsentation veröffentlicht und alle sechs Monate aktualisiert. Das Kostenbudget für das Geschäftsjahr 2027 wird für Oktober erwartet. Die im Modell verwendete ROE-Annahme von 12 Prozent folgt einem CAPM-basierten Ansatz und bewegt sich im Einklang mit den risikofreien Zinssätzen. Das Management meldete keinen Gegenwind von Marktteilnehmern. Tobin sagte, die operativen Konzernaufwendungen seien vorerst ein vernünftiger Anhaltspunkt für die regulierte Opex-Basis.
Kapital, Bonitätsrating und der ASIC-Überhang
Die ASIC-Untersuchung und die rechtlichen Schritte im Zusammenhang mit CHESS sind abgeschlossen, doch die finanziellen Folgen dauern an. ASX muss bis zum 30. Juni 2027 ein Betrag von 150 Millionen US-Dollar zusätzlich zum Nettobuchwert der materiellen Vermögenswerte (Net Tangible Assets) vom 31. Dezember 2025 anzusammeln. Zum Jahresende verblieben noch 132.9 Millionen US-Dollar, die nach einem Sondereffekt-Verlust von 51,5 Millionen US-Dollar – welcher den ASIC-Vergleich, eine Meilensteinzahlung für die CHESS-Partnerschaft sowie den Verlust aus dem Verkauf von Sympli umfasste – anzusammeln waren. Die Ausschüttungsquote wurde von 85 Prozent auf 75 Prozent des bereinigten Nettogewinns (NPAT) gesenkt; die Schlussdividende beläuft sich auf 1,047 US-Dollar je Aktie, was einer Gesamtausschüttung von 2,065 US-Dollar je Aktie entspricht. Ein rabattierter Dividend Reinvestment Plan (Aktiendividende) mit einem Abschlag von 2,5 Prozent wird für mindestens die nächsten zwei Dividenden laufen, wobei bei schwacher Teilnahme eine teilweise Übernahme durch Konsortialführer (Underwriting) zur Verfügung steht. Tobin erklärte, das Unternehmen habe „ein hohes Maß an Zuversicht“, das Ziel zu erreichen.
Unabhängig davon könnte eine im Rahmen des Commitments-Plans vereinbarte Kapitalunterlegung in Höhe von 150 Millionen US-Dollar freigegeben oder reduziert werden, sofern ASX das überarbeitete Accelerate-Program umsetzt und die Zustimmung von ASIC vorliegt. S&P stufte das langfristige Kreditrating des Emittenten von AA- auf A+ herab und verwies dabei auf Feststellungen zur Unternehmensführung (Governance) und zum Risikomanagement im Endbericht der Untersuchung. Der Ausblick ist stabil. ASX verfügt über eine nicht in Anspruch genommene Kreditlinie von 400 Millionen US-Dollar und plant, im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2027 Unternehmensanleihen im Volumen von 275 Millionen US-Dollar zu refinanzieren. Ab dem 30. Juni 2029 muss ASX zudem Net Tangible Assets in ausreichender Höhe halten, um die Finanzressourcenanforderungen seiner beiden Marktlizenzen zu erfüllen, sofern mit ASIC nichts anderes vereinbart wird.
Das Accelerate-Programm befindet sich größtenteils in der Planungsphase, da die Neufassung erst kürzlich mit den Aufsichtsbehörden vereinbart wurde. Zu den bereits umgesetzten Governance-Änderungen gehören vollständig unabhängige Clearing- und Abwicklungsboards ohne ASX-Direktoren sowie die Ernennung von Lisa Wade. Promontory wird den Fortschritt unabhängig überwachen. Die Umsetzung (Execution) stellt das Hauptrisiko für die Freigabe der Kapitalunterlegung dar.
Operative Dynamik ist intakt
Die Markterlöse wuchsen um 18,6 Prozent auf 414,1 Millionen US-Dollar. Die Erträge aus dem Terminmarkt- und OTC-Geschäft stiegen infolge von Rekordvolumina bei Zinsfutures um 18,4 Prozent, während die Handelserlöse am Kassamarkt um 24,2 Prozent zulegten, da das gehandelte Volumen im Parketthandel um 22,5 Prozent wuchs. Der Marktanteil von ASX beim Kassa-Börsenhandel behauptete sich bei 88 Prozent. Der Umsatz im Bereich Technologie und Daten stieg um 8 Prozent auf 297,6 Millionen US-Dollar. Die Notierungserträge (Listings) legten um bescheidene 3,5 Prozent auf 215,2 Millionen US-Dollar zu, da anfängliche Zulassungsgebühren über fünf Jahre verteilt vereinnahmt werden. Die Aktivität war jedoch stärker: Es gab 100 Neuemissionen mit einer quotierten Marktkapitalisierung von 32,6 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 85,5 Prozent entspricht. Die Umsätze von Austraclear stiegen aufgrund von Kassaprüfungen (Spot Issuance) in Höhe von 3,3 Billionen US-Dollar um 15,8 Prozent.
Die Trends zu Beginn des Geschäftsjahres 2027 sind unterstützend. Das im Juli im Parketthandel umgesetzte Volumen stieg um 12 Prozent, und die Volumina bei Futures und Optionen auf Futures erhöhten sich um 20 Prozent. Das netto neu zugeführte Kapital belief sich im Juli auf 8,4 Milliarden US-Dollar, einschließlich des Börsengangs von FDC Consolidated Holdings im Volumen von mehr als 400 Millionen US-Dollar – dem größten des Kalenderjahres 2026. Das Management bezeichnete die Emissionspipeline für das Geschäftsjahr 2027 als die stärkste seit mehreren Jahren und verwies auf eine stärkere Gewichtung größerer Transaktionen, wobei der Plan von Glencore für ein Listing im Laufe dieses Jahres genannt wurde. Aufgrund von Periodisierungsfragen bei der Umsatzerkennung werden stärkere Notierungen die ausgewiesenen Umsätze jedoch nur schrittweise erhöhen.
Unterhalb der Umsatzerlinie gibt es Gegenwind. Die Nettozinseinnahmen sanken um 15,7 Prozent, belastet durch Mietzinsen für die neue Zentrale in Sydney, einen niedrigeren Leitzins der RBA und niedrigere durchschnittliche Sicherheitenbestände von 11,9 Milliarden US-Dollar. Die Zinsmarge (Investment Spread) blieb mit 16 Basispunkten stabil und wird voraussichtlich auch im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2027 auf diesem Niveau verbleiben. Sympli, das im Geschäftsjahr 2026 auf operativer Ebene einen Verlust von 8,3 Millionen US-Dollar verzeichnete, wurde für einen nominalen Betrag verkauft.
Investitionen, CHESS-Zeitplan und neue Produktwetten
Die Investitionen (Capex) beliefen sich im Geschäftsjahr 2026 auf 179,6 Millionen US-Dollar, wovon etwa die Hälfte auf CHESS entfiel. Die Prognose beläuft sich auf 180 Millionen bis 200 Millionen US-Dollar für das Geschäftsjahr 2027 sowie 170 Millionen bis 190 Millionen US-Dollar für das Geschäftsjahr 2028, wobei das Management auf Umsetzungsrisiken hinwies. CHESS Release 1 ging im April termingerecht und im Rahmen des Budgets live. Für Release 2 wurden im Rahmen von Branchentests zwei von fünf Code-Lieferungen (Code Drops) bereitgestellt; der Hauptteil der Entwicklung ist für Ende des Kalenderjahres 2027 und der Livegang für 2029 anvisiert. CHESS wird über 10 Jahre abgeschrieben, sodass die Abschreibungsbelastung weit in das nächste Jahrzehnt hineinreichen wird. Der Ersatz des Termin-Clearing-Systems hat die Testphase begonnen.
Im Wachstumsbereich plant ASX den Aufbau einer digitalen Emittentenplattform und hat die regulatorische Genehmigung zur Unterstützung von auf US-Dollar lautenden Wertpapieren in Austraclear erhalten, wobei die Einführung für das Geschäftsjahr 2027 geplant ist. Zudem werden Erstinvestitionen in die Tokenisierung von Austraclear-Anleihen getätigt, was nach Angaben des Management nahezu Echtzeit-Sicherheitenbewegungen rund um die Uhr ermöglichen könnte. Auf das Alter der Technologie von Austraclear angesprochen, sagte Yip, dies stehe „absolut im Fokus“ und sei im Investitionsplan bis zum Geschäftsjahr 2028 abgedeckt.
Führungswechsel
Anthony Attia, der über weltweite Börsenerfahrung in Europa und den USA verfügt, wird im kommenden Monat als Nachfolger von Interims-CEO Yip den Posten des Managing Director und CEO antreten. Er übernimmt ein Unternehmen mit starker Volumendynamik, einem neu ausgerichteten Aufarbeitungsprogramm und einer Kostenbasis, die jährlich um rund 20 Prozent wächst. Das ROE-Ziel und die nicht quantifizierten Effizienzhebel bilden die wichtigsten Messstäbe für den Beginn seiner Amtszeit.