Robert Pape warnt: Iran-Schlagplan hängt von Tankflugzeugen ab – und eine Vier-Akteur-Spirale könnte sich in Tagen statt Wochen entfalten
Der Politikwissenschaftler der University of Chicago skizziert in einem Podcast-Interview vom 20. Oktober 2026 – zwei Wochen vor den US-Midterms – ein Präventionsrisiko im Stile des Ersten Weltkriegs
Robert Pape, Professor an der University of Chicago und Leiter des Chicago Project on Security and Threats, argumentierte, dass das am meisten unterschätzte Risiko in der eskalierenden US-iranischen Konfrontation nicht die Richtung, sondern die Geschwindigkeit sei. In einem langen Podcast-Gespräch mit Gastgeber Mario bestritt Pape keineswegs, dass ein US-Militärschlag zunehmend wahrscheinlich erscheint. Der Gastgeber verwies auf Truppenverlegungen zwischen EUCOM und CENTCOM, einen dritten Flugzeugträger, eine amphibische Expeditionseinheit mit 2.200 Marines, in Stellung gebrachte israelische Flugabwehrbatterien sowie übereinstimmende Berichte verschiedener Medien. Papes Kernpunkt war jedoch, dass Analysten zu sehr darauf fixiert sind, welches Ziel zuerst getroffen wird, und dabei übersehen, wie schnell die Sequenz jeder Kontrolle entgleiten könnte. Er warnte, dass Befehle erst dann erteilt seien, wenn sie tatsächlich erteilt werden, und dass in Politik oder Krieg nichts zu 100 Prozent sicher sei. Er fügte hinzu: „Wir nähern uns dem gegenwärtigen Zeitpunkt so nah, wie man es in menschenmöglicher Zeit wohl erleben wird.“
Warum vier Akteure statt zwei das Kernproblem sind
Papes zentraler Ansatz lautet, dass sich der Konflikt von einer Dyade aus Israel und den USA gegen den Iran zu einem Spiel mit vier Akteuren entwickelt hat, das nun auch Saudi-Arabien und die Huthis umfasst. Er argumentierte, dass die meisten Analysten und Regierungen die Situation nach wie vor als eine Abfolge von bilateralen Duellen modellieren, was er als schweren analogen Fehler bezeichnete. „Die meisten spieltheoretischen Modelle sind Zwei-Akteur-Spiele“, sagte er. „Sobald man drei oder vier Akteure hat, gerät die Sache verdammt schnell außer Kontrolle.“ Seiner Ansicht nach kann ein einziger Zug den Payoff jedes Beteiligten innerhalb weniger Tage verändern. „Trump hat heute möglicherweise einen Payoff, der sich in nur sieben oder sechs Tagen unterscheidet, weil die Sequenz Trumps Auszahlungswert buchstäblich verändern kann.“
Er verankerte dies in der Krise vom Juli 1914. Die Ermordung des Erzherzogs hatte im Juni stattgefunden, doch der Weltkrieg selbst begann mit der Mobilmachung Österreich-Ungarns am 25. Juli, der Teilmobilmachung Russlands am 28. Juli und der deutschen Mobilmachung gegen Frankreich am 1. August. „Diese sechs- oder siebentägige Periode, keine sechs- oder siebenmonatige Periode, ist es, die einen weitaus folgenschwereren Konflikt ausgelöst hat“, so Pape. Die relevante Lehre daraus sei, dass den Beteiligten die Fahrpläne und Pläne im Voraus bekannt waren. Was sie überraschte, war die Rasanz und die exakte Abfolge, die sich nicht hätte voraussagen lassen.
Tankflugzeuge als die modernen Eisenbahnen
Der spezifischste neue Gedanke des Interviews ist Papes Übertragung der Mobilmachungsmechanik des Ersten Weltkriegs auf die aktuelle Truppenpräsenz. Er differenzierte zwischen der politischen Ebene, die er als Eskalationsfalle bezeichnet, und einer separaten taktischen Ebene präventiver Instabilität. Die Eskalationsfalle besteht darin, dass Führungspersönlichkeiten auf allen Seiten nicht nachgeben können, ohne an Macht zu verlieren – im Falle des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman möglicherweise sogar um etwas, „das noch viel schwerwiegender ist“. Hinzu kommen kurzfristige militärische Anreize, die nun entstehen. 1914 musste Russland innerhalb eines Tages oder zweier Tage entscheiden, ob es eine Gegenmobilmachung einleitet, da Österreich-Ungarn sonst seine Eisenbahnen ausschalten konnte. Das Äquivalent dazu seien heute die in der Region eintreffenden US-Tankflugzeuge für die Luftbetankung, gekoppelt mit Angriffen auf die Ölinfrastruktur, die Saudi-Arabien schwächen sollen.
Er stellte einen direkten Bezug zum kolportierten US-Einsatzkonzept her. Eines von ihm zitierten Axios-Berichts zufolge ähnelt die geplante dreitägige Luftkampagne „Instant Thunder“, dem 1991 gegen den Irak geführten Plan, den Pape in seinem Buch „Bombing to Win“ analysiert hatte. Statt eines Angriffs auf den Obersten Führer erwartet er einen umfassenden Schlag gegen das Kommando- und Kontrollnetzwerk der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), gestützt auf rund acht Monate gesammelter Signalerfassung (SIGINT) seit dem vorherigen Konflikt. 1991 habe dies „dutzende und aberdutzende“ Führungsbunker bedeutet, gepaart mit Angriffen auf die Stromversorgung und Raffinerien, um die Regierung zu lähmen und den Weg für den möglichen Einsatz kostengünstigerer, risikoärmerer Bodentruppen zu bereiten.
Die Verwundbarkeit liege in der Logistik. „Dieser Dreitagesplan hängt von Tankflugzeugen ab, genau wie der Schlieffen-Plan von den Eisenbahnen abhing“, sagte Pape. Ohne Luftbetankung könne die koordinierte Kampagne nicht durchgeführt werden. Er geht davon aus, dass der Iran dies versteht. Sollte der Iran einen saudischen Stützpunkt angreifen, der Tankflugzeuge beherbergt, stünden die USA vor einem Dilemma nach dem Motto „Verwenden oder verlieren“; der Präsident müsste ein Eingreifen gegen die Gefahr abwägen, um die Midterms am 3. November herum „weiter blamiert zu werden“. Pape bezeichnete dies als das Äquivalent zur österreich-ungarischen Mobilmachung: Es sieht unscheinbar aus, bringt aber die Dominosteine insrollen.
Die Huthis lehnen einen saudi-arabischen Vorstoß ab
Während des Gesprächs übermittelte der Gastgeber einen unbestätigten Bericht, wonach die Huthis ein saudi-arabisches Angebot zu Verhandlungen in Oman abgelehnt hätten. Pape erklärte, dies füge sich – sofern zutreffend – nahtlos in seine Ansicht ein, dass Gespräche dann scheitern, wenn die Parteien über das Machtverhältnis uneins sind. „Die Huthis zeigen alle Anzeichen dafür, dass sie glauben, gegenüber Saudi-Arabien die Eskalationsdominanz zu besitzen“, sagte er, weshalb sie kaum einen Grund sähen, nachzulassen, solange sie ihren Hebel ausnutzen können. Er zog Parallelen zur Weigerung des Irans, Frieden zu akzeptieren, solange Macht in Reichweite ist. „Mein Herz ist bei Ihnen, mein Verstand nicht“, sagte er zu dem Gastgeber, der für ein Verhandlungsergebnis plädiert hatte. „Die Parteien wollen Macht als Versicherungspolice für künftige Sicherheit.“
Debatte über das Ausstiegsszenario
Der Gastgeber hielt mit einem gutartigen Basisszenario dagegen. Demnach führt Trump einen letzten drei- bis siebentägigen Angriff aus, reklamiert weiteren Schaden am iranischen Nuklearprogramm für sich und zieht sich zurück, während der Iran strategisch gegen US-Stützpunkte vergeltet, aber Angriffe auf die Energieinfrastruktur am Golf vermeidet, es sei denn, die USA treffen zuvor iranische Energieanlagen. Papes Entgegnung lautete, dass dies den Konflikt als Zwei-Akteur-Szenario behandle. Wenn die Huthis US-Kriegsschiffe angreifen – was er als rational bezeichnete, da sie andernfalls als Nächste an der Reihe wären –, könne Trump sich nicht einfach zurückziehen. „Die Schiffe brennen. Dutzende Amerikaner sind tot.“ Er argumentierte, dass jeder Schritt den nächsten rational mache, selbst wenn er am Anfang irrational erschien. Der Gastgeber räumte die ineinandergreifende Dynamik ein, wandte jedoch ein, dass er die Eskalationsfalle selbst und nicht die Verzahnung unterschätzt habe: Ein einzelner Huthi-Treffer auf ein Schiff oder ein Schlag, der 300 Iraner bei einem hochzeitsähnlichen Ziel töte, könne eine Verlängerung der Kampagne erzwingen. Pape stimmte dem zu und fügte hinzu, Saudi-Arabien könnte den Huthis zu zuvorvorkommen, bevor diese einen Flugzeugträger angreifen, was die Abfolge noch schwerer nachvollziehbar machen würde.
Pape betonte zudem, dass das Hinzukommen weiterer Akteure die Dinge beschleunige. Der Gastgeber brachte Israel, die Hisbollah und irakische Milizen ins Spiel, die bereits gedroht haben, sich im Falle eines Angriffs auf den Iran einzuschalten. Pape verglich diese Dynamik mit Belgien im Jahr 1914, als ein deutscher Vormarsch eine britische Reaktion auslöste, der man sich nicht entziehen konnte. Er deutete an, dass ein iranischer Schlag gegen die saudi-arabische Anlage in Abqaiq, mit dem die USA im Umfeld der Midterms abgestraft werden sollen, in Riad denselben Effekt haben könnte. Zudem wies er jede Vorstellung zurück, Washington könne sich von israelischem Handeln distanzieren: „Wenn Israel angreift, wer glaubt dann ernsthaft, dass Amerika dafür nicht grünes Licht gegeben hat?“
Terrorismus als Spillover-Effekt: Das Risiko der zweiten Stufe
Pape erklärte, eine zweite Welle von Konsequenzen würde selbst dann folgen, wenn die initiale Eskalation eingedämmt würde. Er wies darauf hin, dass der weltweite Selbstmord-Terrorismus seit 2018 stark zurückgegangen ist, während die „unkontrollierten Dauerkriege“ (forever wars) und der IS abklangen – mit einer großen Ausnahme: Pakistan, insbesondere Belutschistan, wo die Angriffe „dramatisch zunehmen“ würden. Seine Sorge ist, dass eine Eskalation vom Iran über das Rote Meer weitgehend schlafende Gruppen reaktiviert. Er nannte Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), die im Jemen über mehrere हजार Kämpfer verfüge und im Zuge des Konflikts an Ausrüstung gelangen könnte – möglicherweise sogar mit Billigung Saudi-Arabiens, falls Riad darin ein Gegengewicht zu den Huthis sieht. „Wir haben den Aufbau von bin Ladens Al-Qaida gegen die Sowjets unterstützt. Wir kennen diesen Film also bereits.“ AQAP, so fügte er hinzu, wäre durchaus bereit, erneut amerikanische Passagiermaschinen ins Visier zu nehmen.
Die pakistanische Dimension stufte er als die folgenschwerste ein. Dort ansässige Gruppierungen wie die TTP, die er mit dem Attentäter vom Times Square in Verbindung brachte, könnten gegen Islamabad mobilisiert werden, das über Atomwaffen verfügt. Er verglich diesen Effekt mit dem Irak-Krieg von 2003, dessen Spillover-Effekte einige Jahre brauchten, um den syrischen Bürgerkrieg und den Aufstieg des IS hervorzubringen. Zudem warf er die Aussicht in den Raum, dass solchen Gruppen künftig der Zugang zu hochentwickelten Drohnen und KI-Werkzeugen offensteht.
Ukraine: Pape sieht einen Abnutzungskrieg ohne nennenswerte Bewegung
In einem separaten Abschnitt wies Pape die Annahme zurück, der Iran-Konflikt verändere Putins Anreize. Vielmehr befinde sich der russische Präsident „in seiner eigenen Eskalationsfalle“. Gestützt auf ISW-Karten und – auf Wunsch eines Abonnenten – auf eine Reihe russischer Karten kam er zu dem Schluss, dass sich die Frontlinie kaum bewegt hat. Er schätzte den russischen Nettogewinn über den Sommer auf etwa 90 Quadratkilometer, basierend auf rund 890 gewonnenen gegenüber etwa 800 von der Ukraine zurückeroberten Quadratkilometern. Russland habe seinen kontrollierten Anteil am ukrainischen Territorium von 18 Prozent im August 2022 auf 19 Prozent im September 2026 gesteigert.
Er bezifferte die Zahl der russischen Gefallenen auf mindestens 250.000, gestützt auf Todesanzeigen und unabhängige Erfassungen, und betonte, dass die exakte Ziffer weniger ins Gewicht falle als das Verhältnis von Kosten und Ertrag. Der Gastgeber verwies darauf, dass Seth Jones vom CSIS von 600.000 Ausfällen gesprochen habe – eine Zahl, die Pape nicht bestritt, jedoch als Ablenkung vom größeren Kontext bezeichnete. Putins Ziel liege bei etwa 40 Prozent der Ukraine, einschließlich Noworossija, was bei diesem Tempo schätzungsweise fünf bis sieben Jahre beanspruchen würde. Er führte viele Streitpunkte unter Kartenlesern auf den Unterschied zwischen territorialer Kontrolle und bloßem Einfluss zurück und stellte fest, dass „90 Prozent dessen, was man für einen Unterschied hielt“, bei genauer Betrachtung der Karten verblassen.